Singen ist so gesund wie Meditation oder
leichter Sport.

Eine Frankfurter Untersuchung hat erstmals an Laiensängern nachgewiesen,
dass der Körper beim Singen physiologische Reaktionen zeigt:
Er produziert zusätzliche Immunstoffe.
von Peter Lamprecht
Im Institut für Musikpädagogik der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität standen in den
letzten Wochen die Telefone nicht still. Eine unscheinbare Meldung im Universitäts-Nachrichtendienst
hatte die Anruf-Welle ausgelöst – ein bislang ungekannter Medienansturm für den Musikpsychologen
Dr. Gunter Kreutz, Privatdozent am Lehrstuhl des Professors Dr. Hans-Günther Bastian.
Was Kreutz samt einigen weiteren Kollegen so interessant für Medien von wissenschaftlichen Publikationen
bis zur „Bunten“ hat werden lassen, ist eine Untersuchung an Laienchor-Sängerinnen und
-sängern. Eine Untersuchung unter dem verheißungsvollen Titel „Ist Singen gesund?“, gefördert vom
Deutschen Chorverband. Wissenschaftlich exakter klingt die Frage so: „Gibt es physiologisch nachweisbare
Gesundheitseffekte durch regelmäßiges Singen in Chören?“
Das Ergebnis vorweg: Es gibt nachweisbare Effekte. Und das haben die Frankfurter Wissenschaftler
weltweit zum ersten Mal am Beispiel singender Laien nachgewiesen.
Als Probanden wurden der Kirchenchor Griesheim und die Frankfurter Singgemeinschaft gewonnen.
Insgesamt 31 Sängerinnen und Sänger haben innerhalb einer Woche zum einen das Mozart-Requiem
selbst gesungen, zum anderen das gleiche Werk als CD-Aufnahme passiv angehört und dabei Wattebäuschchen
zur Speichelaufnahme in ihren Mündern fünf Minuten vor und fünf Minuten nach den
beiden Proben geduldet. Zudem haben die Probanden ihr emotionales Befinden in einem Fragebogen
vermerkt.
Ähnliche Untersuchungen, teils mit und teils ohne physiologische Messungen, hatte es zuvor u. a. mit
dem semiprofessionellen Universitätschor Oxford und mit professionellen Solo-Sängern gegeben.
In einem Punkt kommen alle diese Studien zum gleichen Ergebnis, wie Dr. Kreutz erläutert: „Aktives
Singen fördert die Produktion des Stoffes Immuglobolin A im Speichel. Das ist der Stoff, der die oberen
Atemwege vor Infektionen schützt.“ Für Kreutz ist damit nachvollziehbar, dass aktives Singen dem
Immunsystem offenbar nützt. „Die Werte stiegen beim Singen signifikant an, beim Zuhören hingegen
blieben sie in dieser Untersuchung unverändert.“ Die Untersuchung legt nahe, dass aktives Singen
sowohl eher positive Gefühle weckt als auch eher die körperliche Immunabwehr aktiviert als das
passive Hören von Musik.
Ergänzt man diese Erkenntnis um die bereits erforschten Bereiche, ergibt sich ein kompletteres Bild:
Gesundheit wird von der Weltgesundheitsorganisation als „umfassendes geistiges, physisches und
soziales Wohlbefinden“ definiert. Man weiß aber schon, dass aktives Singen dazu führt, dass sich
Sängerinnen und Sänger „deutlich besser fühlen.“ Man weiß schließlich, das Musizieren in Gemeinschaft
allgemein die Fähigkeiten als „soziales Wesen“ steigert. Alles zusammen bedeutet:
Singen ist gesund – „mindestens ähnlich gesund wie Meditation, Laufen, leichter aber regelmäßiger
Sport“, resümiert Dr. Kreutz. „Eine Riesen-Schlagzeile,“ befand der medienerfahrene Professor Hans-
Günther Bastian – und er nicht allein.
Zumal die physiologische Untersuchung an Frankfurter Laienchorsängern einen zweiten Befund ergeben
hat: Cortisol, das so genannte Stress-Hormon, wurde ebenfalls beim aktiven Singen und beim passiven
Hören untersucht. Hier reagieren Laiensänger anders als Profis: Während bei den Laien die Freude am
Singen offenkundig den „Druck“ zur Leistung überwog, weshalb beim Singen die Cortisol-Werte nicht
wesentlich angestiegen sind, ergab sich bei Profi-Solisten ein anderes Bild: Dort stieg der Stress auch
während des Konzerts noch an. Profis reagierten dafür weniger gestresst, wenn sie zuhören mussten.
Während an dieser Stelle die Laiensänger offenkundig unruhig wurden – „vielleicht, weil sie einfach
lieber selbst singen,“ vermutet Dr. Kreutz in Frankfurt.
Während die Medien ihn bestürmen, blickt der Wissenschaftler allerdings eher kühl und gelassen auf
sein Werk: „Eigentlich muss das der Anfang für weitere Untersuchungen werden.“ Kreutz denkt darüber
nach, ob zusätzliche Studien nicht notwendig seien, um die physiologisch günstige Wirkung des
Singens auf das Befinden bestimmter Gruppen nachzuweisen: „Ich könnte mit konkrete Auswirkungen
auf die Behandlung verhaltensauffälliger und lernschwacher Kinder ebenso vorstellen wie auf die
Behandlung zum Beispiel von Menschen, die an Demenz leiden und im Gesang wohlvertraute Klänge
wiederentdecken.“ Kreutz ist sicher: „Wir stehen erst am Anfang. Aber das Singen hat schon jetzt
gewonnen.“

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