Predigt Herr Pfarrer Müller anlässlich des Festgottesdienstes zum 140-jährigen Jubiläum - 2014

Sängerjubiläum Massenheim
Gen 1,7
„Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens ein.“

Was war das für ein Bild am Donnerstagabend!
Die Sport-und Kulturhalle festlich geschmückt, die Sitzreihen gefüllt -ein großes, buntes Sängerfest!
Einer der Mitglieder der Sängervereinigung nahm mich zur Seite mit den Worten: „Ist das nicht schön!“ Und dieser Satz war auch ein erleichtertes Aufatmen, nämlich dass sich die Mühen gelohnt haben.

Und dann der Samstag. Die Tische stehen und sind gedeckt, je rechts und links stehen die Stühle. Und zwar, natürlich, in Richtung der Bühne; auch die ist aufgebaut. Alles ist bereitet –zum Festkonzert. Und das konnte sich weiß Gott hören lassen. Hätten nur ein paar mehr ihre Ohren mitgebracht!
Und derselbe, der sich so am Donnerstag gefreut hatte, der kippte mit mir ein Schnäpschen und sprach: „Halle nur halbvoll, aber ….prost!“ Das war jetzt weder ein Aufatmen, noch ein Ausatmen, das war ein Austrinken. Im Sinne von: Jetzt erst recht und zwar für die, die da sind.
Nach dem Konzert hieß dann noch aufzuräumen. Ich war nicht dabei, ich saß an dieser Predigt. Was Sie noch miteinander gesprochen, was Sie gedacht haben – das weiß ich nicht.
Was hätte ich gedacht? Nun uns, der Kirche, sind halbleere Räume auch nicht fremd; aber wenn man etwas mit besonderen Herzblut vorbereitet hat, das dann nicht so – wie gehofft - Zuspruch und Publikum findet, dann ertappt man sich schon einmal bei der Frage an sich selbst: Wofür tue ich das eigentlich – noch?
Sollten Sie sich tatsächlich am Abend des längsten Tages des Jahres eben diese Frage gestellt haben, dann wären zwei Antworten möglich; und die erste ist naheliegend und bedarf nicht großer Erläuterung, weil sie für sich selber spricht. Ganz im Gegensatz zur Zweiten, zur Zweiten Antwort. Aber hier ist erst die erste: Wer über den Samstag klagt, der tröste sich mit dem Donnerstag!
Wem dieser Trost zu einfach wäre und - Donnerstag hin, Donnerstag her- der Samstag, Samstag bliebe und mit ihm die Frage, warum tue ich das, der höre sie, die zweite mögliche Antwort: Weil einer das tun muss! Jawohl muss! Und ich weiß das klingt nach Pflicht und nach Bürde, das klingt vor allem nach Notwendigkeit. Richtig, so ist es auch gemeint: einer muss ihn haben, den langen Atem! Denn wäre der nicht, dann wäre das Leben eine kurzatmige Veranstaltung. Denn der Atem des Lebens, der ist mehr als das reflexartige Luftholen des je einzelnen Menschen, der Atem des Lebens ist mehr als ein sich durchs Dasein Hecheln, der Atem des Lebens ist der große umspannende und überspannende Bogen, der Menschen und Zeiten miteinander verbindet und zusammenhält. Und das bedeutet, auch das zusammenhält, was sich sonst verflüchtigen und zerstreuen würde. Gott gab uns Atem zum Leben, zum Sprechen und zum Singen, zum Lachen und zum Weinen und Gott gab uns Atem zum Durchhalten. Das ist der lange Atem, der Atem der nicht mit einer Generation, einer Epoche schon ausgeatmet ist, sondern der im Wechsel der Zeiten ruhig weiteratmet und so dem Werden und Vergehen einen, seinen Pulsschlag verleiht.
Warum machen sie das also? Darum, weil es einer tun muss, denn was wäre Masseheim, was überhaupt ein Dorf, wenn es kein organisiertes Miteinander mehr gäbe? Wenn die Gegenwart ihr Vergangenheit vergessen würde? Wenn nicht die vielen einzelnen Stimmen sich zu einer vereinigen könnten? Wer tut es denn noch sonst? Wer hält es hoch und durch? Wer hat ihn, den langen Atem, den Atem des Lebens? Wer tut es wenn nicht die Vereine.

Liebe Festgemeinde, von meinem Hintergrund her bin ich ja Städter. Landeshauptstädter! Während meiner Kindheit und Jugend waren Vereine für mich lediglich Räume und Möglichkeiten, das, was einem Spaß macht mit anderen Zusammen und im Wettbewerb mit anderen zu tun und zu pflegen.
Erst als ich das Dorfleben kenngelernt hatte, als Vikar in Mensfelden mit Wohnung in Kirberg und erst recht seit 1998 in Massenheim, verstand ich wie viel mehr ein Verein ist, bedeutet und leisten muss: er muss für den Ort das möglich und wirklich machen, was das Alltagsleben längst nicht mehr leistet: den Ort zum Lebensraum machen. Und Leben geht nur als Zusammenleben und dazu braucht es fürwahr einen langen Atem. Gestern wurde beklagt, dass immer mehr Menschen hier eigentlich nicht mehr wohnen, sondern nur noch schlafen. Das ist selbstverständlich ein Bild, nämlich dafür, dass es eigentlich keine Rolle mehr spielt, wo das Haus steht, die Wohnung sich befindet. Das Dorf als ein Nebeneinanderleben, nur die Geographie ist mehr oder weniger zufällig gleich. Das wäre kein Dorf mehr, das wäre auch kein Stadtteil, das wäre nicht einmal ein Ort. Wo nichts mehr zusammenklingt, gehört auch nichts zusammen.
Was macht also ein Gesangsverein? Singen, im Verein, als Verein, als Chor. Richtig! Was noch? Liebe Sängerinnen und Sänger, wenn Sie hier vorne stehen, wenn Sie Montags und Mittwochs miteinander üben, dann machen Sie gleichsam sichtbar und hörbar, was von diesem Ort, diesem Dorf, gefordert ist zu sein, damit er Ort und Dorf bleibt und bleiben kann: über alle individuellen Verschiedenheiten bilden Sie, bilden alle Vereine ab, dass es immer ein übergreifendes Gemeinsames geben muss: den langen und gemeinsamen Atem des Lebens. Von Gott geschenkt und von Gott gewollt, dass wir ihn durchhalten.
Jeder von uns hat eine, hat seine Stimme und das ist auch gut so und soll so bleiben. Und doch gibt es die eine Stimme, die zu uns allen spricht, die uns alle meint. Das was unser aller Angelegenheit ist, spricht sie aus. Die Musik sei die Stimme Gottes, so heißt es manchmal, aber so hoch muss die Musik nicht gehängt werden, das hat sie nämlich nicht nötig. Vielmehr haben wir es nötig, dass wir durch sie ausdrücken können, was uns miteinander über die Unterschiede hinweg verbindet. Und das beste Instrument dafür ist die menschliche Stimme, die Ton und Wort, Melodie und Begriff zueinander führt.
Was macht ein Gesangverein? Was machen die Chöre der Sängervereinigung Masseheim? Sie verleihen dem Ort eine gemeinsame Stimme. Seit 140 Jahren. Und allen Umbrüchen zum Trotz und Trutz.
Sie hatten einen langen Atem und werden ihn weiterhin brauchen, so wie Massenheim euch braucht.
Und was braucht ihr?
Ja, das was wir alle brauchen bei den Dingen, die uns am Herzen liegen, die uns Freude geben und Schmerz, das eine gibt es nicht ohne das andere….was brauchen wir?
Gottes Segen! Damit uns Sehen und Hören, Singen und Klingen nicht vergeht; dass uns der Atem nicht stockt und wenn doch einmal, dass er uns wieder wird in alter Frische und Beständigkeit – die man haben muss zum Singen wie zum Leben.

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Nach reichhaltigem Frühstück im Hotel fuhr die Gruppe am nächsten Morgen nach Waltrop zum alten Schiffshebewerk “Henrichenburg”. Eine sehr informative Führung veranschaulichte eine, auch aus heutiger Sicht, technische Meisterleistung. Bereits ab dem Jahre 1899 konnten hier mit einer relativ niedrigen Antriebsleistung Frachtkähne mit 67 Metern Länge einen Höhenunterschied von 14 Meter überwinden. In nur etwa 25 Minuten konnte die einige tausend Tonnen schwere Last von Schiff und wassergefülltem Trog, durch den Auftrieb von fünf zylindrischen Schwimmern angehoben werden, ohne dass dadurch dem oberen Kanal zuviel Wasser verloren ging. Im Bus wurden anschließend bei strömendem Regen die knurrenden Mägen durch einen, von Verpflegungsmeister Dieter Bernhardt aus den Resten vom Vortag bereiteten Imbiss besänftigt. Die nächste Station war das Eisenbahnmuseum Bochum-Dalhausen. Hier gab es Raritäten und wahre Schätze aus der deutschen Eisenbahngeschichte zu bestaunen. Zurück im Hotel durften die Aktiven das leichte Sänger-Outfit anlegen. In Wattenscheid-Höntrop gab es ein kurzes Abendessen, gefolgt von einem etwas hektischen Einsingen. Im - an ein Zirkuszelt erinnernden - Gemeindehaus traf man sich dann zu einem Liederabend mit dem Männergesangverein “Glück Auf” Höntrop 1872 e.V. Als der Chor dann auf der Bühne stand, war von der Nervosität beim Einsingen nichts mehr zu spüren. Im ersten Teil lud man zu einer Weltreise kirchlicher Musik von Deutschland über Italien und Russland bis zum Südstaaten-Gospel in die USA ein. Im zweiten Teil stimmte man dann die Zuhörer mit Wein- und Trinkliedern auf das anschließende gemütliche Beisammensein ein und vertraute dem Publikum eine allumfassende Wahrheit an: “Frauen sind anders!”. Zusammen mit dem gastgebenden Chor klärte man über die Entstehung des Weines auf: “Aus der Traube in die Tonne” und informierte: “Unser Katz hat Bauchweh!”. Erste Kontakte wurden geknüpft um einen Besuch des Höntroper-Chores im nächsten Jahr in Massenheim vorzubereiten! In toller Stimmung klang der Abend an der Hotelbar aus.

Am Sonntag-Morgen mussten die Sänger dann den feinen Zwirn anlegen! In der Stadtkirche von Recklinghausen wurde der Gottesdienst mit fünf Liedern musikalisch umrahmt. Eine kurze Stadtrundfahrt führte danach zum Umziehen und zu belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen ins dortige Naturfreundehaus. Ein Spaziergang musste sehr kurz gehalten werden, denn im Weltkulturerbe Zeche Zollverein wartete eine Führung auf die Gruppe. Auf dem Dach der “Kohlenwäsche” konnte man sich in 45 Metern Höhe zunächst einen Überblick über die technischen Anlagen wie Fördertürme und Kokerei, aber auch über die weitläufigen Grünflächen rund um die Zeche verschaffen. Danach wurde detailliert über die Geschichte, die Kohlegewinnung und -reinigung und die Arbeit der Bergleute informiert. Die Gespräche anschließend im Bus drehten sich nur noch um das harte Los der Arbeiter und jeder war plötzlich mit seinem eigenen Arbeitsplatz sehr zufrieden. Weiter ging’s nach Oberhausen. In Ärwins Brauhaus, ehemals Brauhaus Zeche Jacobi stand das Abendessen bereit. Der dort in großen Pfannen gereichte Bauernschmaus war jedoch selbst für die umfangreichen Mägen des Reiseleiters und des ersten Vorsitzenden zuviel! In der angrenzenden, sehr beeindruckenden Einkaufs-Mall “CentrO” konnte man bei einem Spaziergang entspannen und in der Hotelbar noch einen “Absacker” nehmen.

Montags hieß es Koffer-Packen und Bus beladen. Im bergischen Land besuchte man “Schloss Burg”. Hier erfuhr man bei einer Führung viel über die Geschichte der Burg-Anlage und konnte alte Waffen und Rüstungen sowie Details aus dem Leben der damaligen Zeit kennen lernen. Manch einer war erstaunt über die Herkunft vieler noch heute gültiger Begriffe wie “Gassenhauer”, “Zur Sau machen” und ähnlicher. Mit dem Besuch der “Müngstener Brücke”, der mit 107 Metern höchsten Stahl-Eisenbahnbrücke Deutschlands, nahm man Abschied von einer beeindruckenden Industrie-Kultur. Nach einem letzten Imbiss auf dem Rastplatz “Sessenhausen” war die Reise um 19 Uhr in Massenheim zu Ende.

Vier sehr harmonische, sehr informative und für die Sänger sehr erfolgreiche Tage waren zu Ende, die wohl jedem der dabei war noch lange in Erinnerung bleiben dürften. Und so manch ein Mitfahrer musste seine Vorstellungen von grauer Tristesse des Ruhrgebietes revidieren! Stattdessen fand man sehr viele Bäume und Parks, renaturierte und mit technischen Kunstwerken verzierte Abraumhalden und liebevoll gepflegte Industrie-Denkmäler vor. Aber auch eine verwirrende Anzahl von Autobahnen und Strassen, die nur mit Navigationssystem zu bewältigen schienen. Zitat von Busfahrer Detlef: “Ohne Navi hätten wir zwei Tage länger gebraucht!” mm